Geschichte hinter Mauern

 Alte Geschichte(n), neue Zugänge – ein Aktionstag von Schüler:innen 

Der sogenannte Tansania Park ist ein Ort, welcher versteckt hinter Büschen, einer Mauer und einem Gittertor steht. Er ist unsichtbar zwischen der Bundespolizei und einem Dönerladen. Als Außenstehender findest du ihn nur, wenn er mal nicht von Google Maps entfernt wurde. Menschen gehen täglich an ihm vorbei, ohne zu wissen, was er bedeutet, welchen Schmerz er symbolisiert und welche Taten er verschönert. Es ist fast so, als würde er nicht existieren.
Aber er existiert. Und die Geschichte, von der er erzählt, ist echt. Leider sehr echt.

Salon International hat es sich als Ziel gesetzt, Leute auf die Geschichte des Tansania Parks aufmerksam zu machen und ihn nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

(C) Felix Amsel
(C) Felix Amsel

Als ich das erste Mal den Park betrat, kam ich frisch aus dem Abitur. Dreizehn Jahre Schule, jedoch wurde mir nichts über den deutschen Kolonialismus in Afrika beigebracht. So ist das nicht bei jedem, jedoch hatte ich das „Glück“ stattdessen zu lernen, wie ich „A midsummer Night’s Dream“ zu interpretieren habe oder an genau welchen Daten welche deutschen Staatsformen endeten. Im Unterricht fühlte ich nicht diese erdrückende, tieftraurige, jedoch wichtige Atmosphäre, welche ich beim Lesen der Tafeln im Park erlebte.

Die Jugendlichen, mit denen Salon International arbeitet, haben das Glück, diesmal wirklich, früh an in Berührung mit solchen Themen zu kommen. Sie lernen durch den Besuch des Parks und die Auseinandersetzung mit der Thematik, die Geschichte zu verstehen und die Zukunft so zu gestalten, dass sich solche Ausnutzung und Unterdrückung nicht wiederholen. Ihnen wird beigebracht, wie sie andere auf die Deutsche Kolonialgeschichte aufmerksam machen können und wie sie wichtiges Wissen über Ungleichheiten teilen können. Somit sind sie nicht nur passive Zuhörer, sondern werden eigenständig.

"Jedoch war keinem die Grundlage der Thematik unbekannt: Diskriminierung und Rassismus."

Ihre Erfahrungen, Meinungen und Ansichten finden ebenfalls Platz in den Workshops. Das Endziel der Workshops: Selbstorganisierter Aktionstag mit Führung durch den Park, welcher nicht nur von der Geschichte zwischen Tansania und Deutschland erzählt, sondern auch Wünsche für die Zukunft äußert. Die Jugendlichen entscheiden, wie sie den Aktionstag gestalten wollen, und werden dabei von Salon International aktiv unterstützt. Die Teilnehmenden werden künstlerisch aktiv, denken sich kreative Wege aus, das Wissen weiterzugeben, arbeiten zusammen und lernen den Selbstausdruck. Dazu lernen sie dabei auch den respektvollen Umgang mit Gedenkstätten und sensiblen Themen, wie die Ausbeutung von afrikanischen Ländern.

Ich hatte die Ehre, diesen Vorgang fotografisch zu dokumentieren. Dabei konnte ich die Neugierde und Offenheit der Jugendlichen beobachten. Für manche Teilnehmenden war es der erste direkte Kontakt mit so einer Geschichte, und für andere, wie für die tansanische Gruppe an Jugendlichen, die zu Besuch kam, war es die eigene historische Unterdrückung. Jedoch war keinem die Grundlage der Thematik unbekannt; Diskriminierung und Rassismus. Die Jugendlichen der Nelson-Mandela-Schule erzählten von Alltagssituationen, in denen ihnen Diskriminierung und Rassismus widerfuhr. In der Bahn, im Bus, in der Schule oder auf der Straße. Als die Jugendlichen von ihren Erfahrungen erzählten, zeigten sie einen Kontrast zu ihren üblichen Interaktionen miteinander. Die normalerweise locker, spaßenden und entspannten Gesichter schienen nun ernst und verletzlich. Die Teilnehmenden des Workshops zeigen, dass jeder, egal welches Alter, Diskriminierung und Rassismus bemerken kann. Deswegen sind die Bemühungen von Salon International, Kinder und Jugendliche zu befähigen, soziale Ungleichheiten zu benennen, so bedeutsam.

Mir wurde ebenfalls die Bedeutung dieser Workshops klar, als ich einige Interviews zwischen den Teilnehmenden beisaß. Einige tansanischen Jugendliche erzählten von den positiven Auswirkungen des Kolonialismus, wie Infrastruktur oder medizinische Fortschritte, jedoch benannten wenige negative Folgen. Dies ist nicht, weil es so wenige negative Auswirkungen gibt, sondern weil oft ihnen das Wissen und der Zugang zu informativen Ressourcen fehlt. Ein Unwissen über die Geschichte führt zur Wiederholung und macht die folgenden Generationen leicht ausbeutbar.

Salon International zielt darauf, Kinder und Jugendliche aktiv zum Denken zu bringen, zu informieren, zu sensibilisieren und zu unterstützen, tut dies jedoch in einem Jugend-angemessenen Maß. Die Kinder und Jugendlichen können gelegentlich normal miteinander spielen und toben, neue Freundschaften knüpfen und auch eine ruhige Pause nehmen. Das Ergebnis ist eine Atmosphäre, welche informativ, aber nicht bedrückend ist.

Diese Atmosphäre verankert Geschichte als wichtigen Teil des alltäglichen Lebens und fördert das Zwischenmenschliche. Ich durfte diese Atmosphäre miterleben, als ich sah, wie die Teilnehmenden an einem großen Tisch gegenseitig Ansichten und Erfahrungen austauschten, sich dann freiwillig beschenkten und dann gemeinsam Döner aßen, bevor sie wieder in den Park gegangen sind, um sich weiter auf den Aktionstag vorzubereiten.

Salon International und die Workshops zu dem Tansania Park für junge Schüler* innen vermittelten wichtiges Wissen über die Geschichte des deutschen Kolonialismus in Tansania in einem Jugend-gerechten Medium und befähigen die Schüler* innen das Wissen anzuwenden, um eine faire Zukunft für jeden Menschen zu gestalten.

Text von Thabo Bollwinkel

Danke an unsere Foerder:innen! 

Claussen-Simon-Stiftung
Deutsches Kinderhilfswerk
Kultur macht Stark! x Der Paritaetische Gesamtverband
LAG Projektfonds Kultur und Schule